Eurasier Philosophie -
Versuch einer Deutung
Auch wenn die Eurasierzucht von Anfang an
auf unterschiedlichen Zuchtideen aufbaute, immer wieder unterschiedliche
Ratschläge den Zuchtverlauf beeinflussten und auch zukünftig
unterschiedliche Auffassungen die Weiterzucht begleiten werden, bleibt zu
hoffen, dass die jeweiligen Zuchtverantwortlichen immer danach streben werden,
die besten Eigenschaften des Chow-Chow, des Wolfspitzes und des Samojeden im
Eurasier zu vereinen. Erik Zimen merkt in diesem Zusammenhang an (Der Hund, München
1992, S. 184):
"Nicht
eine einheitliche Veredelung des Erscheinungsbildes sondern
Verhaltenseigenschaften sind die Richtschnur der Zucht".
Dies wird allerdings nur gelingen, wenn
sich die Zucht einzig und allein an der Erhaltung und Verbesserung der Rasse
orientiert und sich ausschließlich am Bedarf ausrichtet, dabei nur
Verpaarungen erlaubt, wenn für den zu erwartenden
Wurf geeignete Interessenten vorhanden sind; im Gegensatz zur kommerziellen "Eurasier"-Produktion,
wie sie leider zunehmend im europäischen und außereuropäischen Ausland
festgestellt werden kann.
Ein
Eurasier-Züchter erstrebt aus seiner Zucht keinen materiellen Gewinn.
Ein Eurasier ist weder der bedingungslos
gehorsame Hund, der lebenslang in einem frühen Stadium des Junghundes
verharrt, noch ist er das ursprüngliche Rudeltier, das sich durch eine
ausgeprägte Herrentreue, verbunden mit einer noch ausgeprägteren Abneigung
gegenüber Fremden auszeichnet. Er
ist Chow-Chow (ständig hinterfragend, auch misstrauisch) und Wolfsspitz (außergewöhnlich
anhänglich) zugleich. Beide Eigenschaften machen die enge Anbindung an die
menschliche Familie zwingend erforderlich und schließen per Definition
Folgendes aus: eine Zwingerhaltung; die temporäre Abgabe eines Eurasiers an Dritte zum Zwecke
eines ungestörten Urlaubes o.ä.; die Einschränkung der Bewegungsfreiheit
durch Anketten oder gar das Einsperren in einen Transport- oder Drahtkäfig, was
leider in
Nordamerika Praxis zu sein scheint, vgl. "crate training" (u.U. sogar für
die gesamte Dauer eines langen Arbeitstages)!
Der
Eurasier lebt, angewiesen auf die direkte menschliche Zuwendung, mitten in
seiner Familie im gesamten Wohnbereich des Hauses. Man ermöglicht ihm den
uneingeschränkten Kontakt zu seinem menschlichen Rudel und stellt sicher,
dass er sich bei Bedarf in einen ungestörten Bereich zurückziehen kann.
Sowohl der aufmerksame und gelehrige
Wolfsspitz als auch der "hinterfragende" Chow-Chow fordern eine
intensive Beschäftigung mit "ihren" Menschen: Die Kombination,
vielleicht sogar Verstärkung, dieser Eigenschaften im Eurasier stellt daher
umso höhere Anforderungen. Erkunden,
Ausprobieren, Versuchen sind spannende und lehrreiche Tätigkeiten, die
bereits in der Prägungsphase des Welpen (4. - 7. Woche) beginnen und in
unterschiedlicher Intensität das gesamte Leben des Eurasiers begleiten. Kann
der Welpe, der Junghund oder der erwachsene Eurasier von diesen Tätigkeiten
keinen Gebrauch machen, wird er durch eine restriktive Haltung daran gehindert
(z.B. Quarantäne) oder werden ihm entsprechende Anreize (Spaziergänge auch außerhalb des
Parkstreifens vor dem Haus, Kontakte mit anderen Hunden etc.) verwehrt,
besteht die akute Gefahr, dass Störungen bei den jeweils zugeordneten
Verhaltensmustern eintreten, sich Fehlverhalten im Umgang mit Menschen und
Tieren einstellen oder Teile des generellen Lernvermögens lahmgelegt werden
(vgl. Eberhard Trumler, Hunde ernst genommen, München 1974, S. 42).
Der
Eurasierbesitzer wird dem Bewegungs- und Informationsbedürfnis seines Lauf-
und Rudeltiers gerecht, verbringt täglich mindestens 2 Stunden mit ihm in der
freien Natur und ermöglicht ihm die notwendigen sozialen Kontakte mit Mensch
und Hund.
Unter Domestikation versteht man die
sinnvolle Anpassung des Haustieres an die häuslichen Lebensbedingungen. Trotz
aller Abhängigkeit vom Menschen bleibt der Hund dabei ein selbständiges
Wesen und behält seine Identität als "modifizierter Wolf" im Rudel der
Familie. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff Degeneration alle Veränderungen
und Ausfälle in den elementaren Lebensbereichen der Fortbewegung, des
Sozialverhaltens und der Fortpflanzung des Hundes, die seine Zukunft wie auch
seine Bedürfnisse nach einer hundegerechten Existenz und unsere nach einem
lohnenden und störungsfreien Zusammenleben mit ihm gefährden (vgl. Erik
Zimen, Der Hund, München 1992, S. 243) - oder um es in Anlehnung an Eberhard Trumler
zu sagen:
Der
Eurasierbesitzer schützt seinen Eurasier mit fundiertem Wissen vor einer
Rolle als Handelsware, vor einer Rolle als Kompensator von Komplexen und vor
einer Rolle als seelenloses Ausstellungsobjekt.