Entstehung
und Geschichte der
Hunderasse Eurasier
Entstehungsgeschichte
des Hundes
Die Theorien zum Stammvater des Hundes waren vielfältig, wobei
sich letztendlich immer mehr die Auffassung durchsetzte, dass sich
alle Hunderassen wahrscheinlich aus einer einzigen Spezies entwickelt haben: dem Wolf.
"Als Stammväter gelten ... die kleinen, weniger kompakten asiatischen
Wölfe, die einen dünneren Pelz besitzen und in wärmeren Klimazonen
angesiedelt waren. Dieser Wolfstypus weist mehr Ähnlichkeit mit den heutigen
verwilderten Hunden auf und legt die Vermutung nahe, dass hier die Ahnenreihe
beginnt" (1). Zu diesem Schluss kam
nach einer umfangreichen und interessanten Betrachtung der Abstammungstheorien
auch Erik Zimen, in dem er
abschließend feststellte, dass "es keinen einzigen Hinweis gibt, kein
anatomisches, physiologisches, ethologisches oder ökologisches Merkmal, das
nicht für den Wolf spricht" (2). Der Wolf allein
ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Stammvater vom Irischen Wolfshund, vom Chihuahua und schließlich auch
vom
Eurasier.
Quellen:
(1) Morris Desmond, Warum wedeln Hunde mit dem
Schwanz, Berlin-Darmstadt-Wien 1987, S. 25
(2) Zimen Erik, Der Hund, München
1992, S. 65
Rassegeschichte des
Eurasiers
Vom Wolf-Chow zum Eurasier
Die Entstehung des Eurasiers, ursprünglich Wolf-Chow genannt,
ist untrennbar mit dem Namen Julius Wipfel verbunden, der sich nach dem
Verlust seines schlittenhundartigen Mischlings - Kanadier -
intensiv mit der Entwicklung einer neuen Hunderasse beschäftigte. Die Anregung
dazu hatte er in den Büchern von Konrad Lorenz gefunden. Gemeinsam mit
Charlotte Baldamus und einer
kleinen Gruppe von Enthusiasten, begann Julius Wipfel 1960 in
Weinheim a.d. Bergstraße mit der planmäßigen Zucht des zukünftigen
Eurasiers aus seiner Wolfsspitzhündin Bella, drei ihrer Töchter und drei
verschiedenen Chow-Chow-Rüden (1), :
| Wolfsspitz Hündinnen |
Chow-Chow Rüden |
| Bella von der Waldmühle |
Arocco vom Felsensteig |
| Annet von der Bergstraße |
Ko-San-Lo Pollo-Pong |
| Asta von der Bergstraße |
Igor von Kwy-Chu-Florian |
| Anka von der Bergstraße |
|
Die spätere Gründerin der
Zuchtgemeinschaft für Eurasier e.V., Charlotte Baldamus, war von Anfang an
dabei. Sie erwarb Asta von der Bergstraße, eine der Töchter von Bella von
der Waldmühle. Charlotte
Baldamus und ihr Zwinger "vom Jägerhof" hatte einen
maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Rasse Eurasier. Wipfel plante zunächst
die Erzüchtung von vier, später noch zwei
weiteren Linien, aber nur im Zwinger vom Jägerhof (Charlotte Baldamus) wurde
die Zucht konsequent bis in die
F4/F5-Generation betrieben, wobei Charlotte Baldamus ihr Hauptaugenmerk auf das
Verhalten und den erwünschten Typus legte. Die anderen Linien wurden dagegen
schon relativ
früh untereinander vermischt, so dass in den folgenden Jahren die angestrebte
und erforderliche Breite der Zuchtbasis nicht verwirklicht werden konnte. Die
erforderliche genetische Breite war zwar in den anderen Linien da,
aber die Zuchtauswahl war offensichtlich nicht "zielgerichtet", eher
an Äußerlichkeiten orientiert, nicht nach den gleichen Kriterien selektiert
wie im Jägerhof und damit waren die Tiere für eine Weiterentwicklung der
Population weniger geeignet. Das führte in der Folge zu einer zunehmenden
Verwendung von Jägerhoftieren in der Zucht - 1972 betrug der Anteil an
Jägerhoftieren über 90% (2)
.
Wipfel entschloss sich in dieser Phase der Gefahr abnehmender Fitness
entgegenzuwirken, in dem er ab 1972 den Samojedenrüden "Cito von Pol" (auch "Orion
von der Bergstraße" genannt) insgesamt achtmal in die Zucht einbezog. Baldamus
hingegen beurteilte diese Samojeden-Einkreuzung zunächst eher kritisch, da sie eine
Fremdbluteinmischung als Einwirkung auf bereits genetisch gefestigte
Merkmale ansah (3). Alfred Müller betrachtet die zu diesem Zeitpunkt
lebenden altstämmigen Eurasier (noch ohne Samoyeden-Einmischung) als Zwischenprodukte in einem Durchgangsstadium auf dem Weg zur eigentlichen
Rassebildung, denn diese damaligen Eurasier waren
"Musterexemplare", also "Einzelstücke" aus einer einzigen
Linie. Von einer Rasse kann man erst reden, wenn die erwünschten genetischen
Merkmale auf einer stabilen, breiten Basis gefestigt sind. Das geht nur über
mehrere ähnlich kontrollierte Zuchtlinien oder über eine behutsame
Erweiterung mit Fremdblut plus Rückpaarung um wichtige Merkmale dauerhaft zu
erhalten (4).
Nach mehr als zwölf Jahren gemeinsamer Zuchtarbeit trennten
sich die Wege
der "Eurasier-Pioniere" und Charlotte Baldamus (Jägerhof)
gründete zusammen mit Dr. Werner Schmidt
1973 die Zuchtgemeinschaft für Eurasier e.V.
(ZG). In
Zusammenarbeit mit Dr. Werner Schmidt (Biologe und Genetiker) sowie anderen
Anhängern verfolgte Charlotte Baldamus ihr Zuchtziel durch sehr geschickte Zuchtauswahl.
Man konnte inzwischen auf neue Blutlinien aus einer Ursprungsverpaarung, der Einkreuzung des Samojeden Cito von Pol
und der Einkreuzung mit einem Chow zurückgreifen.
Die züchterischen Bemühungen wurden immer wieder von
namhaften Verhaltensforschern wie Konrad Lorenz oder Eberhard
Trumler unterstützt und nicht zuletzt Erik Zimen beschrieb die
damaligen Eurasier als "sehr schöne Tiere, unabhängig und doch
anhänglich und häuslich, wachsam, ohne aggressiv zu sein, und auch ohne jede
Leidenschaft für die Jagd: ein geradezu idealer, mittelgroßer
Familienhund"(5). Sein Rat, in erster Linie die angenehmen
Verhaltenseigenschaften zu beachten und sich nicht ausschließlich auf ein
bestimmtes Erscheinungsbild (bspw. Haarkleid oder Farbschlag) der Rasse zu
konzentrieren, wurde durch die Zuchtverantwortlichen angenommen, da man sich
grundsätzlich darüber einig war, dass
Gesundheit und Wesen Vorrang vor einem einheitlichen Typ haben sollten.
Wissenswertes hierzu (6): Zimen, Schmidt und
Trumler kannten sich persönlich vom gemeinsamen Studium und durch ihre Arbeiten bei und
mit Konrad Lorenz. Trumler hörte und interessierte sich zuerst für die neue
Rasse und berichtete darüber. Über Trumler erfuhr Werner Schmidt davon. Durch die Lorenz Literatur sensibilisiert,
interessierte sich Werner Schmidt sofort, kam mit dem
Jägerhof in Kontakt und bestellte sogleich einen Hund. Durch die Berichte
und durch Schmidts Hund (Lotus vom Jägerhof, Wurftag 29.08.1970) kam Lorenz
erstmals mit dem Eurasier in Kontakt und nahm über Schmidt mit Frau Baldamus
Verbindung auf. Konrad Lorenz wollte unbedingt auch so einen Hund haben, der
ihn so sehr an einen Hund aus seiner eigenen, ehemaligen Zucht erinnerte (Stasi
war entstanden, nachdem sich im Hause Lorenz Chow und Schäferhund verliebt
hatten (7)).
Erst danach nutzte Wipfel den bestehenden Kontakt. Von Charlotte Baldamus erwarb
Prof. Dr. Konrad Lorenz 1972 die Eurasierhündin Nanette vom
Jägerhof, die er liebevoll "Babett" nannte.
Quellen:
(1) Feder
Annelie et al., Eurasier - Heute - , Mürlenbach/Eifel 2000, S. 23 und Joachim Hoffman,
Der Eurasier, Stuttgart, S. 78
(2)
Müller Alfred
(3) Müller Alfred, Eurasier-Nachrichten,
Jubiläumsausgabe 1973 - 1998, Berlin-Friedrichshagen 1998, S. 19f
(4)
Müller, Alfred, Eurasier-Nachrichten, Jubiläumsausgabe 1973 - 1998,
Berlin-Friedrichshagen 1998, S. 36
(5) Zimen Erik, Der Hund, München
1992, S. 184
(6) Müller Alfred
(7)
Konrad Lorenz, Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen, DTV
München, 1965, und Konrad Lorenz, So kam der Mensch auf den Hund, Wien, 1954